Morlaix, Tour de Bretagne 2025

Morlaix ist eine spannende Stadt im Nord-Westen der Bretagne. Das es so viel Street-Art, bzw. Murals in der Stadt gibt, ist vermutlich dem Artist Zag zu verdanken, der nicht nur mehrere Festivals in Morlaix und Umgebung organisiert hat, sondern auch ein kleines Museum betreibt. Aber davon später.

Zag

Zag, aka Georges Zannol, malte 2014 die Kopfseiten einer Treppe an, die am heutigen Museum der Modernen Künste, im Gebäude der ehemaligen Tabakfabrik, im Außenbereich zu sehen ist. Das Gemälde zeigt eine junge Frau aus Morlaix in ihrer Tracht.

Zuvor soll Zag Probleme mit der Verwaltung der Stadt gehabt haben, aber die Verhältnisse besserten sich und Dank dessen kommen zunehmend Besuchende in die Stadt, um die Street Art zu bewundern. In den ersten Jahren hat Zag mit einem Freund, der sich Plastigraff nennt, zusammen gearbeitet. Die beiden schufen temporäre Kunstwerke in der Stadt. Daraus erwuchs der Wunsch bleibende Kunstwerke zu schaffen. Damit ging es 2019 los. Das Festival nannte sich MX-29, wobei MX für „Morlaix“ steht, und die 29 ist die Nummer des Départements Finistère. Von den Graffiti aus dem Jahr habe ich keine Aufnahmen machen können.

Mx-29, 2020

Artists wie Kaldéa, Jean Rooble, Sock, Leon Keer, Aéro, Akhine, Mister Copy, Rast, Marko93, Nikita&Sweo, Anna Conda, John Artes und Le Cyklop waren geladen, und Zag und Anje waren natürlich auch nicht tatenlos.

Um die Gesundheitsvorschriften der Stadt während der Covid19-Pandemie einzuhalten, wurde die Anzahl der geladenen Artists reduziert und das Festival fand dezentral statt.

Das Mural von Leon Keer ist leider nicht mehr da, was auch Anwohnende bedauern, wie ich erfahren konnte. Sweo& Nikita konnte ich auch nicht mehr finden. Aber Jean Rooble und Mister Copy prangen unweit voneinander, nördlich des Stadtzentrums. Jean Rooble, eine meiner Neuentdeckungen, betitelt sein Mural „Le cuir usé d’une valise“ (Übersetzt: Das abgenutzte Leder eines Koffers). Der Musiker Youssef Abado, der auf die französische Rap-Band „La Rumeur“ anspielt, die ein gleichnamiges Musikstück herausgebracht haben, in dem es um die Verbannung der Eltern ins Exil geht, posiert hier mit einem alten Koffer. Jean Rooble ist stolz, die 12 Meter hohe Wand in fünf Tagen geschafft zu haben.

Mister Copy stammt ursprünglich aus Südafrika und lebt heute in Paris. Dort finden sich am Spot13 häufig neue Arbeiten von ihm. Die Wand in Morlaix ist seine größte zu diesem Zeitpunkt mit 106 Quadratmetern.

Im Stadtzentrum befindet sich ein Portrait von Eden Bristowe, ein Māori-Fotomodel, gemalt von Akhine.

Im Eingang des Jugend-Kultur-Zentrums wurde ein Gesicht von PAX gemalt.

Von Zag stammt diese Arbeit mit dem naheliegenden Titel „Casablanca“.

Die Wandbilder von Marko93 und Rast habe ich entweder nicht gefunden, oder sie sind nicht mehr da. Schade. Dafür ist das großartige Mural von Aéro, das einen bretonischen Fischer, einen Papageientaucher, das Meer und einen Leuchturm zeigt, wie könnte es anders sein?, noch da.

2021

2021 wurde das Festival umbenannt und lief fortan unter MX Arts Tour. Direkt zu Beginn ging eine App an den Start, die heute aber nicht mehr zu funktionieren scheint. Sie hieß „MX Art Connect“. Anje scheint seit dem an dem Projekt keinen Anteil mehr zu haben.

Alberto Ruce war in Morlaix, auch das Haus und die Wand steht noch, an der er gesprüht haben muss, aber leider war der Zutritt abgesperrt, und ich konnte nichts sehen. Ein Jammer!

Studio Giftig waren im Juni an „La Manufacture“, der ehemaligen Tabakfabrik. Die beiden Artists, Niels van Swaemen und Kaspar van Leek sollen sich 2007 zusammen getan haben, und anfänglich in einer Lagerhalle gemalt haben, in der zuvor giftige Stoffe abgestellt wurden-daher der Name. Das Motiv des 30 Meter hohen Murals ist eine Fischersfrau, die auf die wohlbehaltene Rückkehr ihres Mannes wartet. Symbolisch deutet die Ankerkette, die an einem Kompass-Talisman befestigt ist, die Tabakpflanzen und das Steuerrad, sowie der Rettungsring auf die Umstände hin.

Die Künstlerin Laec, aka Laetitia Cefali, die aus Chamonix stammt, portraitierte „Anne de Bretagne“. Anne war 12 jährig, 1477 geboren, durch das Erbe ihres Vaters zur Herzogin der Bretagne geworden. Ihr Leben muss spektakulär verlaufen sein und war eng verbunden mit einem weißen Hermelin. Der Legende nach soll das Hermelin während einer Jagd erfolgreich geflohen sein, und dann am Rand eines Sumpfgeländes gestoppt haben, um sich nicht zu beschmutzen. Anne „begnadigte“ das Tier daraufhin und es entstand der Wahlspruch, der noch heute in der Bretagne gilt, „Lieber sterben als entehrt zu werden“. Außerdem befindet sich das Hermelin im Wappen der Bretagne. Was es mit der „Beschmutzung“ des Murals auf sich hat, weiß ich nicht.

Koga.One und LeSkule

Ebenfalls im Juni 2021 trafen Koga.One, aka Matthieu Koga und LeSkule, aka Matthieu Lesku, in der Rue Paul Serusier zusammen und schufen ein gemeinsames Mural.

Seyb, oder Seyb_art, aka Sébastien, hat nahe des Skateparks einen Blauhäher gemalt. Er widmet sich in seinen Murals häufig der Flora und Fauna. Dieser himmelblaue Rabenvogel lebt in Nordamerika und in Kanada und ähnelt dem Eichelhäher.

An dieser Stelle möchte ich nochmal erwähnen, dass Zag, bzw. MX Arts Tour nicht nur Murals direkt in Morlaix, sondern auch in umliegenden Gemeinden organisiert hat. So hat Akhine z.B. auch in Pleyber-Christ gemalt.

Im Juli des selben Jahres waren die Medianeras zu Gast. Spannend finde ich, dass sie beim Bemalen der Wand auch die nebenliegenden Balkone miteinbezogen haben. Sieht wirklich sehr cool aus und macht auch schwarz/weiß einen interessanten Eindruck. Die beiden Argentinierinnen waren in diesem Jahr die 13. Crew, die gemalt hat. Die dargestellte junge Frau trägt ein Shirt im klassischen bretonischen Matrosenstil und besonders ist auch, dass ein Schatten auf ihr Gesicht fällt, der aber nicht real ist, sondern gemalt wurde.

Im Februar postete Zag stolz auf Instagram, dass unter den 100 schönsten Murals des Jahres 2021 der Welt, fünf aus Morlaix wären!

2022

WD, Wild Drawing war im Juni 2022 zu Gast. Ein Mädchen in einer Flaschenpost. WD kommentiert: „Heute sind immer mehr Menschen in ihrer überfüllten Welt gefangen und allein … niemand hört ihre verzweifelten Versuche, zu kommunizieren, Hilfe zu finden und Menschlichkeit zu erfahren.“

JDL

Im Centre Hospitalier des Pays de Morlaix, entstand im Juni das neue Mural von Judith de Leeuw.

Ungefähr zur selben Zeit war auch Aéro noch mal da. Dem ursprünglichen Plan, den ganzen Wasserturm mit seinen 45 Metern zu gestalten, musste Aéro auf Grund der schlechten Wetterlage reduzieren und kam „nur“ auf 36 Meter. Die Vorlage lieferte das Supermodel „Natalia Vodianova„, deren Profilbild auf Instagram genau das Foto ist, das hier als Vorlage diente.

Ende Juni 2022 kam der 12. Artist nach Morlaix. Soen Bravo aus Madrid, der mit echtem Namen César de Fernando Bravo heißt, widmet sich hier dem Thema Recycling, Umweltverschmutzung und Klimawandel. Dargestellt ist ein typischer Wasserkrug aus Córdoba aus dem eine verzweifelte Hand ragt. Sie hält eine Art Diebstahlschutz, wie ihn auch der Künstler benutzt, der im Falle des Falles, Alarm schlägt. Mir hat dieses etwas surreale Bild sehr gut gefallen.

Lady M

Anfang Juli gestaltete Lady M, eine Pariser Künstlerin, eine Wand, direkt neben einer Grundschule. Wie die Kids das wohl finden, zumal sie ihr Bild auch etwas auf den Boden ausgeweitet hat?

2023

Das MX Arts Tour Festival startete mit dem Initiator, Zag. Mit Blick auf das wunderschöne alte Viadukt, das Mitte des 19. Jahrhunderts erbaut wurde und als Bahnstrecke zwischen Paris und Brest dient.

Das Mural spielt auf das Gemälde „Medizin“ von Gustav Klimt an. Zag hat der Portraitierten hier ein jüngeres, und wie er sagt, freundlicheres und weniger herablassend wirkendes Gesicht gegeben. Er erzählt, er habe Ärzte u.Ä. oft als arrogant und abgehoben erlebt und möchte damit einen Gegenpunkt setzen. Oben über der Frau strahlt ein Stern, eine Art Aura, der in Regenbogenfarben leuchtet. Seine Überzeugung und der Wunsch damit der LGBTQIA+-Community und zukünftigen Generationen Mut zu machen, verleiht er hiermit Ausdruck. Erwähnt sei noch, dass Zag hier erstmalig mit Blattgold gearbeitet hat.

Swed.Oner

Swed hat hier „Lucien“ dargestellt. Im Internet habe ich folgendes Zitat gefunden, das Swed zugeordnet wird: „Lucien, ein ehemaliger Mitarbeiter des Rathauses, ist einer dieser Menschen, die einem das Herz erwärmen. Jeder in der Stadt kennt und schätzt ihn. Wie könnte es auch anders sein, so liebenswert und unbefangen ist er gegenüber den meisten unserer Entfremdungen. Andersartigkeit ist eine Bereicherung; wir müssen sie pflegen.“ Das schwarz/weiß-Mural entstand im Juni 2023.

Das Mural von Swed ist direkt neben einem Bild, das Zag 2020, nicht im Zusammenhang mit dem Festival gemalt hat. Es heißt „Brigitte Fontaine“ und stellt die gleichnamige, 1939 in Morlaix geborene Künstlerin dar. Sie war Sängerin, Schauspielerin, Schriftstellerin, Dramatikerin und Liedtexterin und Zag kannte Brigitte persönlich. Sie posiert hier mit einem Stapel Strafzetteln, die sie angehäuft haben soll, und auf die sie mit einer Geste der linken Hand reagiert. Fontaine soll das Gemälde von ihr sehr gut gefallen haben.

Istraille

Istraille, ein französischer Maler, nahm sich zweier Hauswände an, die knapp 30 Meter auseinanderliegen. Ein Junge und ein Mädchen. Es gibt folgendes Zitat: „Für mein Wandbild bin ich von der zentralen Achse ausgegangen, die die Straße ist. Und darauf aufbauend habe ich mein Wandbild gestaltet. Ich wollte den Betonbereich herausnehmen und ihm Leben geben. Ich wollte Kinder darstellen, die eine naivere Sicht auf die Welt haben. Mit ihrer Vorstellungskraft schaffen sie es, sich eine eigene Welt zu kreieren, daher auch die Tiere.“

Ezra & Difuzo

Hier treffen zwei Artists aufeinander. Ezra, ein französischer Graffiti-Writer und Difuzo, ein aus Chile stammender Muralist, der sich photorealistischer Portraitmalerei widmet. Der Titel „Dein Zorn ist nicht verloren“ spielt auf die Schaffensenergie der Artists an.

Noch einmal Akhine

Tatsächlich bin ich zuerst an dem Mural vorbei gelaufen, ohne es zu bemerken. Tja, wer den Blick nicht wendet, ist selbst Schuld. Aber nachher habe ich es doch noch entdeckt. Dargestellt ist hier die Tänzerin „Leïla Pasquier“, die wie eine Elfe erscheint. Wunderbar, in dieser schönen Gasse!

2024

2024 war ein großes Jahr in Morlaix und für Zag. Zag und der Verein TAKAD GRAFAÑ präsentieren „Obsidian, La Legende du Dragon“ und eröffnete die Ausstellung am 5. April. Lokalisiert ist die Ausstellung in einem alten, sehr steilen Tunnel. Neben dem Bahnhof gelegen, sollte eine Standseilbahn diesen mit dem Stadtzentrum von Morlaix verbinden. Das Projekt wurde nie beendet. Im 2. Weltkrieg diente der Tunnel dann als Schutzraum und wurde auch von den Deutschen okupiert, wie Zag uns bei unserem Besuch erzählte. Im Tunnel haben sich sieben Artists mit ihren Werken eingebracht: Bond Truluv, Zag, Akhine, Guy Denning, Manolo Chrétien, Scaf und Ezra. Am tiefsten Punkt der Ausstellung steht ein vier Meter hohes dreidimensionales Kunstwerk, ein Drache, der von Ezra aus Recyclingmaterial erstellt wurde. Ein weiterer Drache wurde von Scaf direkt auf die Wände gemalt.

Das Street Art Museum

Der Besuch des Tunnels ist mit dem Erwerb eines Tickets verbunden, und ist nur mit rutschfesten Schuhen für Menschen ohne Beeinträchtigungen beim Gehen und Stehen zu empfehlen. Der Eingang ist ursprünglich etwas unscheinbar gewesen, was sich heute aber durch die Bemalung geändert hat. Die Geschichte, die der Ausstellung zu Grunde liegt, basiert auf einer Legende um einen Drachen. Das Motiv wird dort mehrfach aufgegriffen.

Bei MX Arts Tour ging es im Mai weiter, indem Zag eine lokale Künstlerin portraitierte. Clarisse Lavanant ist eine bretonische Sängerin, Schauspielerin und Songwriterin. Am unteren Ende des Murals steht folgendes auf Bretonisch „Ne drokfen ket evit teñzorioù, va bro, va yezh ha va frankiz“ (Anjela Duval), was so viel bedeutet wie „Ich werde meine Schätze, mein Land, meine Sprache und meine Freiheit nicht verraten“. Sehr stolze Menschen, die Breton*innen.

Wenige Wochen später ging es mit Bond Truluv weiter, einem deutschen Artist. Das Mural befindet sich in der Nähe des Bahnhofes und besonders spannend ist die Augmented Reality Art Animation. Wer auf dem Handy die kostenfreie App „Artivive“ installiert hat und das Foto damit ansieht, kann ein kleines Wunder erleben. Unbedingt ausprobieren. Ich habe es auch bei anderen Murals von Bond Truluv versucht und festgestellt: es klappt auch dort (z.B. in Lübeck).

RNST war zur selben Zeit in Morlaix, und hat sich hier ganz groß verewigt. Das Mural trägt den Titel „Democratie“, wozu er sich durch die gegebenen politischen Umstände veranlasst gesehen haben muss. Die Demokratie ist zerbrechlich, sehr wahr und sehr passend, in diesen Zeiten!

und wenn man schon mal da ist, oder auch schon vorher mal da war, dann kann die Gelegenheit auch genutzt werden:

Dies und das

Es gibt in Morlaix auch Streetart, die nicht innerhalb der Festivals entstanden ist. Z.B. die interessante Darstellung zweier Vögel an der l’escalier „Du temps perdu“ des französischen Artist Horor aus dem Jahr 2019.

2021 wurde die Rückseite einer verlassenen Schule bemalt. Anna Conda schuf ein Portrait von Pipi Langstrumpf im traditionellen bretonischen Ringelshirt. Zag griff ein Motiv von Fanakapan auf, der im Juni außerhalb von Morlaix einen dreieckigen sehr hohen Wasserturm bemalte. Als Anschauungsobjekt hatte sich Fanakapan passende Luftballons gekauft und Zag die Gelegenheit genutzt, seine eigene Tochter mit Ballon zu portraitieren. Das dritte Bild stammt von Leac, die mit dem traurig schauenden Mädchen an die Geschichte der Schule erinnern wollte. 1943 müssen bei einem Bombenangriff 39 Schüler*innen in der Schule zu Tode gekommen sein.

Auf Grund der Umzäunung kam ich leider nicht näher ran an die Bilder.

Im folgenden Jahr entstanden diese beiden Arbeiten, einmal von Zag und einmal eine Zeichnung von Emy.

Zag, einmal mehr

Ich habe gelesen, Zag als Festival-Initiator, habe sich über die geringe Höhe des städtischen Zuschusses für das MX Arts Tour Festivals geärgert. Vor allem in Vergleich dazu, was sonst für Kunst&Kultur ausgegeben wird und wie in anderen Städten die Street Art unterstützt wird. Seinen Kommentar hielt er bildnerisch fest. Das aus dem „F“ schlussendlich doch ein „L“ wurde, soll auf die Überredungskünste seiner Familie zurückgehen. Das zweite Bild ist ein Detail aus einer Ecke, in der es um mystische Darstellungen geht.

Von wem dieses Bild ist, habe ich noch nicht herausgefunden. Zag, kannst du helfen?

Zu Guter Letzt

Es folgen ein paar Paste-ups, die aus diesem Jahr, 2025 stammen. Zuerst „Le Gentle Breizhman “ von Neiluj und ein paar Arbeiten von Kalaabaar. Ohne gehts nicht!

Titel: Medianeras (Detail) 48°34’33.534″ N 3°49’17.142″ W

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Mehr Informationen

Camping: 641 L´Herimitage, 29600 Saint-Martin-des-Champs

Um vom Campingplatz in die Stadt zu kommen, braucht es keine halbe Stunde, zurück geht es aber steil bergauf. Wir haben für den Rückweg den öffentlichen Bus genommen und sind den Rest gelaufen.